
Am Donnerstagnachmittag den 4.Juni 2026 war es endlich soweit. Nach einer langen Planungsphase und einem Hin – und Her von Anrufen und E-mails (Kerstin Graw sei herzlich dafür gedankt), stand die Chorgemeinschaft Kiel aufgeregt und abfahrbereit am Bus zum Flughafen Hamburg. Jetzt sollte es endlich für 4 Tage und zwei Konzerte nach Tallinn gehen.
Es wurde eine denkwürdige und sehr beeindruckende Reise mit vielen Eindrücken und besonderen Erfahrungen.
Die Unterkunft für die Chormitglieder lag mitten in Tallinns wunderschöner Altstadt. Eine vierstündige Stadtführung machte uns mit der Geschichte und den Geschichten der Hansestadt vertraut. Allerdings war es der politische Bogen zur aktuellen Situation, der uns nachhaltig zum Nachdenken anregte.
Beeindruckend, wie Estland durch alle Jahrhunderte hinweg und unter der Herrschaft von Dänen, Deutschen, Schweden, Russen und der Sowjetunion die eigene Identität entwickelt und bewahrt hat.
Beeindruckend wie mit der Kraft der Musik und mit einer 600 Kilometer langen Menschenkette von Tallinn über Riga nach Vilnius 1989 die eigene Unabhängigkeit 1991 erkämpft wurde. Mit Recht sind die Menschen in Estland stolz auf die „Singende Revolution“ und stolz auf das bisher Erreichte. Das drückt sich auch im Stadtbild von Tallinn aus. Überall estnische Fahnen, auch in der Unterkunft. Leider gibt es auch in Estland rechtsextreme Tendenzen. Aber „die Menschen in Estland werden nie zulassen, dass ihre Landesfahne von den Rechtsextremen vereinnahmt wird“. Dieser Satz des Stadtführers gibt zu denken.
Betroffen standen die Chormitglieder vor der „Wall of Shame“. Eine Gitterreihe entlang des Bürgersteigs, direkt vor der russischen Botschaft. Hier hängen Bilder zum Gedenken an die Opfer Putins aus Russland und der Ukraine. Hier können Menschen ihre Wut und ihre Trauer offen und uneingeschränkt ausdrücken und demonstrieren regelmäßig gegen Putin und den Krieg in der Ukraine. In Tallinn wird die direkte Bedrohung für Europa spürbar.
Beeindruckend war auch der Platz, an dem alle fünf Jahre rd. 20.000 Sänger*innen verschiedener estnischer Chöre im Finale des Sängerfestes gemeinsam mit tausenden Menschen im Publikum das Abschlusslied singen. In der „Sängermuschel“ in Tallinn zu stehen, auf das offene Feld vor einem zu schauen und sich vorzustellen, wie sich hier diese vielen Stimmen zu einem Lied – ja vielleicht zu einem Statement – vereinen, macht Gänsehaut.
Im Kontrast dazu stand der Besuch des Arvo Pärt Zentrums mitten im Wald, 40 km außerhalb von Tallinn. Hier wurde dem berühmtesten, lebenden Komponisten Neuer Musik die Möglichkeit gegeben, seinem Archiv einen angemessenen Rahmen zu gestalten. Der Ort, die Architektur und der Innenbereich spiegeln die meditativen und reduzierten Kompositionen wider. Menschen studieren hier Arvo Pärts Tintinnabuli Stil und können diese Klänge in einem kleinen Konzertraum auch erleben. Die Chorgemeinschaft ist nicht nur der Musik Arvo Pärts näher gekommen, sondern auch dem Menschen Arvo Pärt mit seiner Biographie und seiner Spiritualität.
Die Reise nach Tallinn gab der Chorgemeinschaft Kiel die Gelegenheit, mit hervorragenden Musikerinnen aus Tallinn zusammenzuarbeiten. Bereits im ersten Probenworkshop beflügelte uns das Können der Pianistin Maila Laidna.
Ob Prügelszene von Wagner oder Streit bei Bach, sie begleitete uns in einer Brillanz, die auch die Chormitglieder zu Bestleistungen motivierte. Wir sollten im Rahmen der „Old Town Days“ auftreten. Einem dreitägigen Stadtfest mit einem unglaublichen Programm. Überall in der Stadt, in Kirchen, Theatern, Museen, an Straßenecken gab es Theater, Führungen, Ausstellungen und immer wieder Musik. Es war aufregend für die Chorsänger*innen am Sonntag 7.6.26 mit Maila auf einer professionellen Bühne eine Stunde lang Auszüge aus dem eigenen Programm singen zu dürfen. Im Publikum erkennbar Musikkenner*innen, die wohlwollend den Stücken zuhörten.
Als wir dann selbst das Stadtfest genießen durften, wurde klar, wie tief verwurzelt Musik in der estnischen Gesellschaft ist. Die weiteren Konzerte auf der Bühne stellten den funky Big Band Sound der höchst professionellen jungen Band MUBA neben den traditionellen Gesang und Tanz alter Folkmusik der Estonian academy of Music and Theatre. Das Ganze wurde abgerundet von dem Akkustikkonzert des bekannten jungen Musikers Eik der mit Pop, Rock und gefühlvollen Songs in estnischer Sprache nur einen kleinen Teil seines Könnens zeigte. Das Publikum sang begeistert mit.
Für die Chorgemeinschaft ging es am nächsten Tag mit dem Probenworkshop mit Hille Poroson und Tiia Tenno weiter. Hilles und Tiias musikalisches Können hatten wir schon zwei Jahre zuvor in Kiel an der Orgel der Nikolaikirche bewundern dürfen, als sie mit der Flötistin Oksana Sinkova estnische und ukrainische Musik nach Schleswig-Holstein brachten. Die historische pneumatische Orgel der Heilig Geist Kirche in Tallinn stellte die Organistinnen vor besondere Herausforderungen, die sie in der Begleitung des Chores mit Bravour gemeistert haben. Am Abend des Konzertes wurden wir also von drei hervorragenden Musikerinnen begleitet, die uns ermöglichten, unser Bestes zu geben. Die Kunst der Fuge versammelte alle diese Komponisten, wie Bach, Wagner, Händel und Bernstein in unserem Programm. Im Publikum wieder einige Musiker*innen und Kenner*innen, die diesem verbindenden Element aufmerksam folgten und unser Konzert mit Applaus honorierten.
Nach dem gemeinsamen Essen am Abend gingen wir auseinander mit dem Wunsch, den Kontakt auf jeden Fall zu halten und vielleicht in einem oder zwei Jahren wieder mit Maila Laidna, Hille Poroson und Tiia Tenno musizieren zu dürfen, dann vielleicht in Kiel.
Die Abreise fiel der Chorgemeinschaft Kiel nicht leicht. In den wenigen Tagen ist uns die Stadt mit ihren Menschen und ihrer Energie ans Herz gewachsen. Am Tag unserer Abreise kam Präsident Selenskyj in Tallinn an, was uns wieder die Angst bewusst machte, mit der die Menschen in Estland leben.
Es gibt so viel, was uns nachhaltig beeindruckt hat in Tallinn. Eine der wichtigsten Erkenntnisse ist aber vielleicht, dass die Entfaltung in Kunst, Kultur und Musik ein wesentlicher Bestandteil und vielleicht die Wurzel einer freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft sind. Besonders Musik schafft Identität, Austausch und Gemeinschaftsgefühl, ohne ausgrenzend zu sein.
Wir möchten der Stadt Kiel einen großen Dank für die unbürokratische Unterstützung dieser Reise aussprechen. Wir hoffen, dass die Städtepartnerschaft zwischen Kiel und Tallinn noch viele Jahre bestehen bleibt und weiterhin ein reger Austausch möglich ist.
Simone Hoffmann
Chorgemeinschaft Kiel
